Forschungsbereiche

Konflikttransformation
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A. Konflikttransformation

Insbesondere in der Friedens- und Konfliktforschung des Bonn International Centre for Conflict Studies und des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) stellt die Erforschung der Transformation von Kriegen und Gewaltkonflikten ein wichtiges Forschungsfeld dar. In Friedensprozessen steht der Begriff der „Versöhnung“ im Gegensatz zu Ansätzen des Ignorierens und des Ausklammerns von Gewalterfahrungen, wenngleich sich in der Praxis verschiedene Übergangsformen finden. Zu Instrumenten, die auch als Teil von Friedensprozessen mit dem Ziel einer Versöhnung angewandt werden (forgive and forget), zählen u.a. truth commissions (z.B. in Südafrika), alternative Formen von Gerichtsbarkeit (u.a. gacaca Gerichte in Ruanda), internationale Tribunale, Kompensationszahlungen oder Generalamnestien. Ein Forschungsdesiderat ist die Erforschung von Friedensprozessen auf der lokalen, gemeinschaftlichen Ebene, die bislang nur punktuell untersucht wurden. Dementsprechend soll der Schwerpunkt bezogen auf Gewaltkonflikte und Friedensprozesse zur internationalen Sichtbarkeit des BZV beitragen.

B. Provenienzforschung

Die fakultätsübergreifende Forschungsstelle Provenienzforschung, Kunst- und Kulturgutschutzrecht Forschungsstelle Provenienzforschung, Kunst- und Kulturgutschutzrecht an der Universität Bonn an der Universität Bonn ist in Hinblick auf den Umgang mit dem Erbe von Kolonialismus und Versöhnung von herausragender Bedeutung. Sie bündelt die Aktivitäten dreier neuer Professuren, die zum Sommersemester 2018 ihre Arbeit an der Universität Bonn aufgenommen haben: der beiden Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungs-professuren für Bürgerliches Recht, Kunst- und Kulturgutschutzrecht (Matthias Weller) und für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart mit Schwerpunkt Provenienzforschung/ Geschichte des Sammelns (Christoph Zuschlag) sowie der Juniorprofessur für Kunsthistorische Provenienzforschung (bis Mai 2022  Ulrike Saß). Ergänzt werden die Aktivitäten der Forschungsstelle durch die ethnologische Provenienzforschung an dem Museum der Bonner Amerikas-Sammlung (Grana-Behrens/ Noack 2020). Zentral für die Restitutionsforschung ist dabei nicht nur die Frage nach dem Erbe der ehemaligen Kolonien, sondern auch die Frage nach der
Funktion der Objekte als „Vermittler zwischen streitenden Parteien“.„Versöhnungsforschung“ bearbeitet daher auch die Verrechtlichung von Versöhnungsprozessen, so zum Bespiel beim Thema „Wiedergutmachung“. Exemplarisch werden dabei die Unterschiede zwischen der BRD und der DDR im Umgang mit Wiedergutmachungsprozessen analysiert.

Provenienznforschung
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Cultural Heritage and Slavery
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C. Cultural Heritage and Slavery

Die Versöhnungsforschung in Bonn schlägt durch die Beteiligung des Clusters Beyond Slavery and Freedom.Asymmetrical Dependency in Pre-modern Societies eine Brücke zur Erforschung der Aufarbeitung von Sklavenhandel und Sklaverei. Auch in der Forschung zur Sklaverei steht die Frage nach dem kollektiven Erinnern und der kollektiven Repräsentation im Vordergrund. Gerade in den Ländern, die von Sklaverei besonders betroffen waren, gibt es eine reichhaltige wissenschaftliche Forschung zur Repräsentation und Auseinandersetzung mit kollektiven Erinnerungen. Dagegen spielt der kollektive Umgang mit kolonialem Erbe und Sklaverei in den europäischen Staaten, die Plantagenkolonien besaßen und/ oder in den transatlantischen Sklavenhandel verwickelt waren, bislang eine untergeordnete Rolle. In Afrika stehen sich der Umgang mit der Erinnerung an den überseeischen Sklavenhandel und der Umgang mit der Erinnerung an die afrikanische Beteiligung an Menschenjagd und Sklavenhandel und die 'internen Sklavereien' gegenüber. Postkoloniale Debatten in der Zivilgesellschaft haben in den letzten Jahren entscheidend dazu beigetragen, das Thema des Umgangs mit den Hinterlassenschaften der Sklaverei auf die erinnerungspolitische Agenda der europäischen Länder zu setzen (UNESCO, 2018). Einige Städte richteten neue Mahnmale, Gedenktafeln, Slavery Heritage Guides und Slavery Heritage Routes ein. Zunehmend wird debattiert, ob, wo und wie an die Sklaverei erinnert werden soll, wer sich bei wem entschuldigen, wer wen entschädigen soll und ob bzw. wie Versöhnung möglich ist.

D. Historische Friedensforschung

 Die Friedensforschung hat an der Universität durch das Zentrum für Historische Friedensforschung eine lange Tradition. Die historische Friedensforschung ist Bestandteil der „Versöhnungsforschung“. Sie leistet eine historische Perspektivierung und schafft dadurch die Voraussetzung „Versöhnungsprozesse“ und „Friedensschlüsse“ aufeinander zu beziehen. Im Zentrum für Historische Friedensforschung arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bonn zu den vormodernen Grundlagen des Friedenschließens. Hier entstehen auch die Acta Pacis Westphalicae (APW), die maßgebliche Aktenedition zum Westfälischen Friedenskongress (1643-1649). 1962 Publikation des ersten Bandes der APW sowie inzwischen 48 Bände und ein elektronisches Supplement sind bereits erschienen, 40 Bände  sind  digital greifbar unter „APW digital“. Forscherinnen und Forscher im BZV werden durch die Beteiligung des ZhF von einer Spezialbibliothek (darunter zahlreiche zeitgenössische Werke, hunderte von Mikrofilmen und Mikrofiches mit Beständen aus über 150 europäischen Archiven und Bibliotheken und eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Publizistik) zum Thema Krieg und Frieden profitieren (Schwerpunkt Frühe Neuzeit).

Friedensforschung
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Binationale und nationale Versöhnungsprozesse
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E. Bilaterale und nationale Versöhnungsprozesse

Das Zentrum erforscht durch die Beteiligung der nationalen Kooperationspartner wie dem KWI und internationalen Kooperationspartnern wie den DAAD-Zentren in Israel und Japan sowohl bilaterale als auchnationale Versöhnungsprozesse.  Aktuell und relevant ist die Untersuchung einer diachronen Analyse von Narrativen bei deutsch-französischen Versöhnungsversuchen - vor dem Hintergrund des antagonistischen Erzählens. In einem Projekt zur Erarbeitung transnationaler Schulbücher für den Geschichtsunterricht wird etwa untersucht, wie grundverschiedene Perspektiven zu denselben Konfliktkonstellationen nebeneinander dargestellt werden können, ohne normativ bewertet oder gar verleugnet zu werden. Andere Fragestellungen dieses Bereichs betreffen das Verhältnis von Palästina und Israel; die deutsch-israelische Geschichte und die deutsch-jüdische Geschichte in Israel.

Geplante Verbundforschungsprojekte

A.    Versöhnung und ihre Äquivalente im transkulturellen Vergleich

Geplant wird ein Projekt „ Versöhnung und ihre Äquivalente im transkulturellen Vergleich“. „Versöhnung“ hat aus der Sicht der Projektleiter:innen einen „Mehrwert“ im Vergleich zu vertraglich abgesicherten Friedensschlüssen. Diese versuchen, einen Schlusspunkt zu setzen. „Versöhnung“ wird hingegen als Prozess begriffen, der auch eine Kultur der Erinnerung voraussetzt. Hier setzt zum Beispiel die Forschung zur „Narrativität von Versöhnungsprozessen“ an. 

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Prof. Dr. Michael Schulz

(+49) 0228 735030

B. Versöhnung - Konstellationsanalyse

Der Forschungsschwerpunkt „Versöhnung“ soll die Versöhnungsforschung durch eine theoretisch orientierte Konstellationsanalyse ergänzen. Dabei sollen die Handlungsstrategien und Praktiken, die Institutionen und Verfahren, die Versöhnung ermöglichen oder scheitern lassen, in ihrem Zusammenwirken mit sozialen, politischen, kulturellen oder religiösen Semantiken von Versöhnungsvorstellungen analysiert werden, um eine generalisierbare Theorie der Versöhnung zu konzipieren. Das Ziel ist eine theoretisch orientierte Grundlagenforschung die fallübergreifende Konstellationsmuster zwischen Semantiken, Handlungsstrategien, Praktiken, Ritualen, Verfahren und Institutionen identifiziert, um die transkulturelle Geltung von Versöhnungskonstellationen systematisch auf Fallanwendungen zu beziehen, ohne in das Delta selbstausdifferenzierender und selbstrelativierenden Kulturalität zu diffundieren. Durch dieses Ziel unterscheidet sich die Forschungsgruppe von Projekten, die nach einer generalisierbaren Versöhnungspraxis suchen, um durch direkte Beratung und Akteurs-Schulung in laufende Prozesse eingreifen. 

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Prof. Dr. Clemens Albrecht

0228 / 73 84 22

Weitere Projekte:
Erinnerungspolitik im Zeichen der Ambiguitätstoleranz


Herr Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner, Herr Prof. Dr. Benno Zabel, Esther Gardei
Erinnerungspolitik ist Arbeit an der Vergangenheit um einer gemeinsamen Zukunft willen. Sie ist entwicklungsoffenen und kontrovers, sie wird erstritten und manchmal erkämpft. Wenn sie jedoch einen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Ideologien, mit vergangenen und gegenwärtigen Menschheitsverbrechen und diversen Identitätskonstruktionen leisten will, dann muss sie reflexiv sein. Eine solche Reflexivität „lebt“ von der Fähigkeit zur Reziprozität der Perspektiven. Diese Fähigkeit eröffnet die Möglichkeit, eigene mit anderen Vorstellungen des gelingenden Lebens zu vergleichen und dazu Stellung zu nehmen. Reziprozität ist damit das Fundament von Ambiguitätstoleranz und Kern freier Gemeinwesen. Erinnerungspolitik im Zeichen von Ambiguitätstoleranz versetzt Individuen und ganze Gesellschaften in die Lage, verantwortungsvoll mit konkurrierenden Erzählungen umzugehen und alternative menschenwürdige Zukunftsszenarien zu entwerfen. 

Das Projekt wird von Frau Esther Gardei (Geschäftsführerin des BZV), Herrn Prof. Dr. Benno Zabel (Universität Frankfurt), Herrn Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner (Sprecher des Zentrums für Versöhnungsforschung) geleitet.

Avatar Soeffner

Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner

+49 201 183-8179

Reconciliation and Its Resentments: The Suppression of Justice and Truth Recovery in Germany, Northern Ireland, and Western Balkans 

In his seminal work, Civilisation and Its Discontents (1930), Sigmund Freud challenges the near-universal espousal of civilisation (die Kultur) as a virtue and social process, while ignoring the great costs and sacrifices that such a project demands. The over-suppression of deep-seated human needs renders the otherwise humanity-serving endeavour a source of unnecessary suffering for those who “fail” to be civilised. The “discontent” (das Unbehagen) or dissatisfaction with such a condition is thus expressed as an earnest call for the reform of civilisation. In the past three decades or so, there has also been a sustained effort to promote “reconciliation” among historical enemies around the globe, not the least by the European Union, whose self-identity as a peacebuilder and model reconciler in regional conflicts has been buttressed by the Nobel Peace Prize of 2012. Yet, there has also been growing resentment among those – not the least within Europe itself – directly affected by the project of reconciliation, whose needs for justice and for truth have time and again been sacrificed in the name of peace and mercy. Like the “uncivilised”, the unreconciled are subject to social pressure to let go or to feel the guilt imposed upon them for “blocking” society from moving forward. As they say in Northern Ireland, “Reconciliation is a dirty word” (McEvoy et al. 2006). Such discontents and resentments with regard to political reconciliation and their sources are the subject of the proposed four-year project. Built upon its principal investigator’s previous and ongoing work on “coming to terms with the past” in different regional contexts, the project takes seriously the lingering “resentments” and “nasty unreconcilability” (Améry 1966: 115) of victims and survivors of atrocities committed in Europe in the last century. It investigates the nature of such resentments at political reconciliation in selected post-conflict European cases. Using process tracing and triangulated comparative historical analysis, the project examines the cases of reunified Germany, post-accord Northern Ireland and the disintegrated former Yugoslavia to theorise on “premature reconciliation” and “false reconciliation” as the twin mutations of the otherwise commendable enterprise that are responsible for lingering resentments of victims and survivors of past atrocities. In terms of impact beyond academic outputs (e.g. in International Journal of Transitional Justice, Journal of Peace Research), the project endeavours to contribute to the discussion on “reconciliation” in Hong Kong where the abuse and misuse of the concept have likewise aroused reservation (Shen 2020).

For more information about the project, please visit: https://cerg1.ugc.edu.hk/cergprod/scrrm00542.jsp?proj_id=12614422&old_proj_id=null&proj_title=&isname=&ioname=&institution=HKBU&subject=H2&pages=1&year=2022&theSubmit=12614422

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C.K. Martin Chung 鍾子祺 博士

+852 3411 5731

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