Über uns

 
Covid-19, Klimawandel, Populismus oder Digitalisierung und zuletzt der Ukraine-Krieg machten die Frage nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit von Versöhnung zu einem der relevantesten Themen unserer Zeit.  Das Bonner Zentrum für Versöhnungsforschung beschäftigt sich mit der herausragenden gesellschaftlichen Bedeutung von Versöhnung. 
Versöhnung ist ein zentrales Thema der Friedens- und Konfliktforschung, das interdisziplinäre Zugänge in die gesamte Breite der Geistes- und Sozialwissenschaften ermöglicht. Daher erfüllt das BZV mit seinem disziplinenübergreifenden Ansatz eine zentrale Forderung, die der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Friedens- und Konfliktforschung 2019 der WR artikulierte. Dieser forderte die Länder dazu auf, „an Standorten, an denen sich eine größere Anzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in universitären und außeruniversitären Einrichtungen mit Fragen der Friedens- und Konfliktforschung befasst ... die Zusammenarbeit zu intensivieren, auszubauen und institutionell zu festigen“ (WR 2019, S. 57). Vor diesem Hintergrund erforscht das BZV interdisziplinär Kulturen der Versöhnung. Das BZV strebt die Entwicklung eines theoretisch und methodologisch anspruchsvollen Zugangs zu dem Begriff Versöhnung an. Die Debatten um das postkoloniale Erbe und mit historisch geronnenen „Sklavenverhältnissen“ (Vgl. den Cluster Beyond Slavery and Freedom. Asymmetrical Dependencies in Pre-modern Societies) verweisen auf die Notwendigkeit einer kulturvergleichenden Perspektive. 
Im BZV arbeiten mehr als 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen der Geistes- und Textwissenschaften zusammen, um einen empirisch-fundierten, transkulturellen Begriff von „Versöhnung“ und eine theoretisch anspruchsvolle Analyse von Versöhnungsprozessen auf der Basis von empirischer Forschung zu ermöglichen. Dabei geht es u.a. um die Beantwortung folgender Fragen: Welche Begriffsäquivalente werden in anderen Kulturen und Religionen anstelle des christlichen oder des säkularisierten, politischen, ,westlichen‘ Versöhnungsbegriffs verwendet? Wie, wann und warum wird in unterschiedlichen Kulturen „Versöhnung“ - nach einem Waffenstillstand oder einem ersten öffentlichen Bekenntnis zum Frieden - erreicht? Wie, wann und warum werden die Begriffe „Versöhnung“ und „Frieden“ in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten  aufgegriffen? Kann es am Ende von Konflikttransformationsprozessen zu einer dauerhaften Versöhnung kommen? Alle Fragestellungen werden vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses zwischen Versöhnung und Unversöhnlichkeit diskutiert.

In manchen Forschungsansätzen wird eine „parternalismus-freie“ Arbeitsdefinition von „Versöhnung“ entwickelt, die einen Dialog zwischen den Kooperationspartnern und eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklungspolitik und Politikberatung ermöglichen soll. Zudem stellt sich die Versöhnungsforschung die kritisch-reflexive Frage nach den theologischen, philosophischen, theoretischen und politischen Traditionen des Versöhnungsbegriffs.  Die Mitglieder des Zentrums gehen davon aus, dass „Versöhnung“ im Verhältnis zum Begriff des „Friedens“ einen „Mehrwert“ hat: Während „Friedensverträge“ bewaffneten Konflikten einen Schlusspunkt setzen, wird „Versöhnung“ als ein komplexer Prozess begriffen, indem konkurrierende Erinnerungen aufeinandertreffen. Hier setzt die Forschung zur „Narrativität von Versöhnungsprozessen“ an. Im Sinne einer Minimaldefinition gehen Forscherinnen und Forscher des Zentrums zwar davon aus, dass Versöhnung verstanden werden könnte als: „Die Umwandlung langfristiger Feindseligkeiten zwischen Nationen und Staaten in freie Anerkennungsverhältnisse, die den Charakter des Vertrauens und der Freundschaft haben.“ Aber was „Versöhnung“ in der Praxis ausmacht, muss fallspezifisch bestimmt werden: Unter Berücksichtigung der jeweiligen historischen und kulturellen Kontexte, in denen Konflikttransformationen in Versöhnungsprozesse überführt werden. Es geht dem Zentrum also nicht um die Suche nach einer universellen Versöhnungsformel, sondern um die Beobachtung und sich ständig aktualisierende, interkulturell vergleichende Erfassung des Phänomens und der Semantiken von „Versöhnung“. Darum fördert das Zentrum dezidiert eine enge Zusammenarbeit mit einer Vielzahl internationaler Kooperationspartner.

Die interdisziplinäre Versöhnungsforschung nimmt an der Universität Bonn bereits seit mehreren Jahren einen besonderen Stellenwert ein. Das Zentrum koordiniert alle Aktivitäten im Bereich der Versöhnungsforschung. Unterschiedliche Einrichtungen der Universität, wie das Zentrum für historische Friedensforschung (ZhF), die Forschungsstelle Provenienzforschung, Kunst-und Kulturgutschutzrecht und den Cluster Beyond Slavery and Freedom. Asymmetrical Dependencies in Pre-modern Societies werden im Zentrum vernetzt. Zudem wird die intensive Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftliches Institut NRW,  Essen und mit den außeruniversitären Zentren in Bonn, dem German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und dem Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC), gefördert. Hinzukommen als internationale Kooperationspartner unter anderem die DAAD-Zentren in Israel und Japan und das Forschungsinstitut Democracia y Derechos Humanos an der PUCP der Universität Lima.

Das Zentrum wird von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner als Sprecher vertreten und geleitet. Zum Vorstand des Zentrums gehören darüber hinaus Frau Prof. Dr. Christine Krüger (Neuere und Neueste Geschichte), Prof. Dr. Stephan Conermann (Islamwissenschaft) und Esther Gardei (Soziologie) als Geschäftsführerin.

Das Zentrum wird gefördert von vier Fakultäten – Evangelisch-Theologische Fakultät, Katholisch-Theologische Fakultät, Rechts-und Staatswissenschaftliche Fakultät und Philosophische Fakultät -  Organisatorisch verankert ist das Zentrum in der Philosophischen Fakultät.

Das BZV trägt signifikant zur Profilbildung der Universität Bonn bei und knüpft damit an die Transdisziplinären Forschungsbereiche (TRAs) 'Individuals and Societies' und 'Present Pasts' an, mit denen es eng zusammenarbeitet.

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Esther Gardei

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